Wie wichtig ist die "1"?

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Pedro
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Wie wichtig ist die "1"?

Beitrag von Pedro » Mi Mai 03, 2006 12:57 pm

Es gibt einige Leute, besonders Tanzlehrer, die immer wieder hartnäckig darauf bestehen, es sei im LA-Style sehr wichtig auf die 1 und nicht auf die 5 zu tanzen. Dies wird wie ein Naturgesetz hingestellt und darf nicht hinterfragt werden.

Unterschwellig gestört hat mich das schon immer, wobei ich mir anfangs gar nicht genau klar war, warum eigentlich. In letzter Zeit habe ich mir ein paar Gedanken darüber gemacht, und glaube langsam immer mehr, dass das Gewicht, was dem allgemein beigelegt wird, unangemessen ist.

Ich habe zwei Hauptpunkte zur Begründung:
  1. Im NY-Style "On two" wird genau andersrum angefangen (also quasi auf 5), mit der Begründung, man müsse die spektakulären Figurenteile auf den ersten Takt legen. Warum sollte also das, was für den NY-Style richtig ist, beim LA-Style plötzlich falsch sein?
  2. "Auf der 1 passiert in der Musik am meisten", ist auch so eine Erklärung, die man im Salsa nicht so ohne weiteres stehen lassen kann. Salsa ist polyrythmisch aufgebaut und der Fluss dieser Musik basiert gerade darauf, dass die 1 oft gar nicht gespielt wird, sondern lediglich gefühlt werden kann. Die Akzente liegen vielfach zwischen den Beats und selbst starke Akzente, die einen neuen Abschnitt in der Musik einleiten, werden oft auf die 4 vorgezogen, oder noch kunterbunter mitten reingesetzt. (Das ist übrigens ziemlich geil!)

    Wenn man also vorhat, die Akzente in der Musik zu betonen, kommt man mit einer Betonung der 1 nicht weit: Man müsste eigentlich auf die Clave tanzen, alle anderen Akzente genau kennen und das Tanzen entsprechend angleichen, ansonsten trifft man sie sowieso nicht, oder zumindest nur selten. Egal, ob man nun auf die 1 oder auf die 5 tanzt.
Der Dogmatismus der hier betrieben wird, hat also aus meiner Sicht keine zwingende Grundlage und ich würde für mehr Tolleranz auf diesem Gebiet plädieren.

Das fällt für mich in eine ähnliche Schiene, wie die Leute, die darauf bestehen, Rueda auf die 3 zu tanzen. Ich glaube die Erfinder, die Kubaner, sehen das sowieso viel relaxter. Laut Laine tanzen Kubaner sogar oft einen Übergang vom Al Centro- in den Arriba-Schritt, der in der Rueda vom Tanzen auf die 3 zum Tanzen auf die 1 führt. Für mich macht das tatsächlich mehr Sinn, weil dann immer die 1 betont wird (Der Al Centro-Schritt - obwohl auf 3 - betont auch die 1, weil immer der dritte Schritt lang gesetzt wird.). Das ist nur ein scheinbarer Widerspruch zu meinen obigen Argumenten, denn die Frage: 1 oder 5, ist eine andere, als die Frage: 1 oder 3. Bei letzterer würde ich schon sagen, dass das Tanzen auf die 1 (oder auf die 5) stimmiger ist, weil die 1 wichtige Abschnitte in der Musik markiert, egal ob sie (die 1) nun gespielt wird oder nicht).

So, das ist meine Meinung zu diesem Thema, obwohl - mir ist natürlich klar, dass ich genauso gut auf einem Vegetarier-Kongress zum Fleischkonsum aufrufen könnte!

Agnieszka (Aga)

Beitrag von Agnieszka (Aga) » Do Mai 04, 2006 12:25 pm

Wenn man also vorhat, die Akzente in der Musik zu betonen, kommt man mit einer Betonung der 1 nicht weit: Man müsste eigentlich auf die Clave tanzen, alle anderen Akzente genau kennen und das Tanzen entsprechend angleichen, ansonsten trifft man sie sowieso nicht, oder zumindest nur selten. Egal, ob man nun auf die 1 oder auf die 5 tanzt.
Das stimmt Pedro. Da kommt man wirklich nicht sehr weit.
Tanzen auf der '2' ist die natürliche Art, Latin-Rhythmen wie Rumba, Mambo usw. zu tanzen, weil die Musiker die '2' betonen (Clave, Conga Slap).
Das tanzen auf "1" ist nur entstanden weil es einfacher zu erlernen war.
Das Schwierige ist ja nicht, die '2' zu hören, sondern auf der "2" vor- oder zurückzugehen und die Pause beim Zurückkommen zu machen.
Für den Einsteiger ist es ist wirklich einfacher, mit der "1" anzufangen und genau aus diesem Grund wird es heute noch praktiziert. (Los Angeles Style gibt's wohl erst seit die Brüder Vazques sich in Los Angeles für Salsa engagierten. Also Mitte, Ende der 90-ger.)
Die Vasquez - Brüder waren übrigens lange Jahre bei der Tanzschule von Eddie Torres in New York dem berühmtesten New York - Style Lehrer der Welt .

Es schient so zu sein als wären die Amis und auch die Europäer nicht gerade die geborene Salsa Tänzer :D
Der Dogmatismus der hier betrieben wird, hat also aus meiner Sicht keine zwingende Grundlage und ich würde für mehr Tolleranz auf diesem Gebiet plädieren.
Toleranz kling gut!
Bei erfahrenen Tänzern ist das sicher möglich aber hast du dir schon mal Gedanken gemacht wie du ohne vernunftige Struktur den Unterricht gestalten willst? Kaum jemand ist in der Lage alle Stile und deren Merkmale gleichzeitig zu lernen.
Du hast dies alles bereits reflektiert aber ein Anfänger ist nicht immer in der Lage dazu.

Klar wäre es geil wenn der Tanz nur aus einer Interpretation der Musik bestehen würde.
Bevor ich alle Markmale der Stile kennengelernt habe war es mir nicht möglich die Musik zu interpretieren. Dir etwa?

Wenn man die Salsa Musik nicht im Blut hat ist es nicht immer einfach...

Egal was man tanzen oder lernen will: DEN richtigen oder besten Salsa-Stil gibt es nicht!
Auf den Tanzflächen ist Platz für alle, egal ob New York-, Los Angeles oder Cuban-Style - und ob in Havanna, New York oder eben in Bremen

Ist das tolerant genug :?: :D

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Re: Wie wichtig ist die "1"?

Beitrag von Stephan » Do Mai 04, 2006 12:48 pm

Im großen und ganzen stimme ich Dir zu, Pedro. Es darf nicht zum Dogmatismus werden auf z.B. 1 zu tanzen.
Pedro hat geschrieben:Es gibt einige Leute, besonders Tanzlehrer, die immer wieder hartnäckig darauf bestehen, es sei im LA-Style sehr wichtig auf die 1 und nicht auf die 5 zu tanzen. Dies wird wie ein Naturgesetz hingestellt und darf nicht hinterfragt werden.
Aber wie Aga schon sagt: Es gehört zur Struktur es Unterrichts, um ein besserer Tänzer zu werden. Sonst könnte man in Anfängerkursen auch sagen: "Es gibt einige Leute, besonders Tanzlehrer, die immer wieder hartnäckig darauf bestehen, dass man im Takt tanzt. Dies wird wie ein Naturgesetz hingestellt und darf nicht hinterfragt werden..." ;-)

Für Anfänger ist es wichtig überhaupt den Takt zu hören und im Takt zu tanzen. Es wird dann für fortgeschrittenere Tänzer immer wichtiger auch die "1" zu hören. Und im Kurs zeigt man dies, indem man auch auf der "1" tanzt. Wer auf Partys BEWUßT auf 5 tanzt, weil er die 1 und die 5 hört: Super!

Pedro hat geschrieben:Im NY-Style "On two" wird genau andersrum angefangen (also quasi auf 5), mit der Begründung, man müsse die spektakulären Figurenteile auf den ersten Takt legen. Warum sollte also das, was für den NY-Style richtig ist, beim LA-Style plötzlich falsch sein?
Den Gedanken hatte ich auch schon oft! Dies ist auch genau der Grund warum man nicht unbedingt wechseln muss, wenn im Lied die 1 mit der 5 tauscht.

Pedro hat geschrieben:Wenn man also vorhat, die Akzente in der Musik zu betonen, kommt man mit einer Betonung der 1 nicht weit: Man müsste eigentlich auf die Clave tanzen, alle anderen Akzente genau kennen und das Tanzen entsprechend angleichen, ansonsten trifft man sie sowieso nicht, oder zumindest nur selten. Egal, ob man nun auf die 1 oder auf die 5 tanzt.
Auch genau richtig. Das ist der Grund warum ihr jetzt im Master Kurs auch lernt auf Clave zu tanzen. Also weder auf 1 noch auf 2, sondern die Schritte genau in den Momenten zu setzen, in denen die Clave gespielt wird! So habt ihr noch mehr spielraum für die Interpretation der Musik. Vorraussetzung dafür ist aber, dass man sicher auf 1 tanzen kann.

Pedro hat geschrieben:So, das ist meine Meinung zu diesem Thema, obwohl - mir ist natürlich klar, dass ich genauso gut auf einem Vegetarier-Kongress zum Fleischkonsum aufrufen könnte!
Das ist schon hart, aber auch nicht so falsch... ;-)




P.S: Übrigens sehr schönes Thema! :D

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Beitrag von Pedro » Do Mai 04, 2006 12:54 pm

Ich wundere mich, wie nett ihr mit mir umgeht!

Im Großen und Ganzen scheinen wir einer Meinung zu sein.

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